Lost Distilleries I
Lost Distilleries I
Ralf hatte letztes Jahr den Vorschlag gemacht, einige Lost Distilleries besser
kennenzulernen und dieser Vorschlag stieß natürlich auf einheitliche
Begeisterung.
Es sollten jeweils an einem Clubabend drei verschieden Abfüllungen einer
geschlossenen Brennerei probiert werden.
Die ersten drei, die hier zusammengefaßt werden sollen, sind:
Caperdonich
Linlithgow/St. Magdalene
Glen Mhor
Die erste Destillerie war Caperdonich.
Photo Caperdonich
Hier ein kurzer geschichtlicher Überblick.
Die Destillerie Caperdonich [kaper-dónich] wurde 1897/1898 von Major James Grant
in Rothes, Morayshire gebaut. Damals wurde sie unter dem Namen "Glen Grant 2"
betrieben, da sie sich gleich ihrer "Schwesterdestillerie" gegenüber auf der
anderen Strassenseite befand.
Sie waren über eine Pipeline miteinander verbunden, die bei den Bewohnern Rothes
nur als "the whisky pipe" bekannt war. Legenden erzählen, dass die Bewohner des
Ortes öfter Löcher in das Rohr gebohrt haben sollen, um so an "ihren" Teil der
Flüssigkeit zu kommen. Aber das hätte wohl des öfteren zu Überschwemmungen in
Rothes führen müssen.
Schon drei Jahre nach der Eröffnung mußte die Brennerei wieder geschlossen
werden, weil dem Whisky-Boom durch die verheerende Pleite der Firma Pattison
eine noch verheerendere Rezession folgte.
Zwischen 1901 und 1965 erfolgte keine Produktion, bis sie 1965 von "The
Glenlivet and Glen Grant Distilleries Ltd" wiedereröffnet wurde. Sie
modernisierten die Destillerie, die nun mit nur zwei Mann nahezu vollautomatisch
arbeitete. Obwohl die beiden vorhandenen Stills 65 Jahre im Ruhestand waren,
arbeiteten sie bei Wiederinbetriebnahme tadellos. Es wurden 1967 allerdings zwei
zusätzliche Stills installiert. Ihr Wasser bezog die Destillerie aus einer
Quelle des gleichen Namens: Caperdonich Well ("geheimer Brunnen").
Ihr Malt wurde nahezu ausschließlich zum Herstellen von Blends verwendet. Nur ab
und zu kam über die unabhängigen Abfüller ein Caperdonich als Single Malt auf
den Markt. Vor vielen Jahren gab es eine Eigentumsabfüllung, die ausschließlich
für den italienischen Markt bestimmt war.
Auch die Übernahme der Brennerei und ihrer Besitzer durch "The Chivas and
Glenlivet Group (Seagram)" im Jahre 1977 hat daran nichts geändert. Der
kanadische Spirituosengigant Seagram ließ den in Caperdonich hergestellten
Whisky fast nur in die eigenen Blends, besonders dem Flaggschiff Chivas Regal,
fließen.
Caperdonich gehörte zum Seagram-Erbe, das im Jahr 2000 von Pernod Ricard
erworben wurde. Die neuen Besitzer schienen allerdings keine Verwendung für die
Brennerei zu haben und schlossen sie zwei Jahre später. 2004 wurde die
Destillerie ausgeräumt, die Lagerhäuser werden aber von Glen Grant
weiterbenutzt.
Die verköstigten Whiskys des Abends waren
Caperdonich, Cad. Original Coll., 24 yrs, 1977/2002, Sherrywood matured, 46 %;
Caperdonich, Weiser "Vintage Cask 1980", 24 1980/2005, Bourbon Cask, 357
Flaschen, 57.7 %;
Caperdonich, G&M, Conn. Choice, 1968/2004, Refill Sherry Cask, 46 %.
Die nächste Brennerei, die vorgestellt wurde war St. Magdalene.
Die St. Magdalene Destillerie in dem Städtchen Linlithgow wenige Meilen westlich
der schottischen Hauptstadt Edinburgh gelegen, ist eine Brennerei mit einer der
längsten und faszinierendsten Geschichte in der Whiskyindustrie. Der Ort
Linlithgow hat in der schottischen Geschichte im übrigen schon deswegen seine
Bedeutung, da hier Mary, Queen of Scots geboren wurde.
Das Gelände war bereits im 12. Jhd. bebaut, als "The Knights Templar of St. John
of Torphichen" ein Krankenhaus errichteten, das hauptsächlich zur Behandlung
Leprakranker diente. Später wurden die Gebäude vom Lazariter-Orden als Kloster
benutzt.
Linlithgow war im 18. Jahrhundert ein bedeutendes Brauerei- und
Brennereizentrum, das vor allem von seiner Lage in den Lowlands am
Forth-Clyde-Kanal profitierte, der günstige Transportmöglichkeiten bot - ein
unschätzbarer Vorteil in einer Zeit, in der es z.B. in den schottischen
Highlands kaum Straßen gab.
Eine erste Destillerie, deren weitere Geschichte jedoch leider unbekannt ist,
eröffnete um 1750 und soll den Namen Bulzion getragen haben. Gegen Ende des
Jahrhunderts eröffneten mit recht kurzem zeitlichen Abstand die benachbarten
Destillerien Bonnytoun 1795 (oder Bonnytown) und St. Magdalene. Adam Dawson, der
Gründer von Bonnytoun, besaß bereits eine Destillerie in der Nähe von Falkirk
und erwarb die St. Magadalene Destillierie 1798 nur wenige Jahre nach der
Errichtung von deren Gründer Sebastian Henderson.
Er verlagerte seinen Schwerpunkt auf St. Magdalene und war mit der Destillerie
so erfolgreich, dass er 1810 expandierte und das Gelände mit dem der alte
Bonnytoun Destillerie kombinierte.
Mehr als ein Jahrhundert verblieb die Destillerie in den Händen der Familie
Dawson und wurde ab 1895 von der Firma A. & J. Dawson betrieben, bis sie 1912
liquidiert wurde.
Die bereits zu dieser Zeit mächtige DCL erwarb die Destillerie mit allen
Vermögenswerten, aber auch mit ihren Schulden. 1915 war die St. Magdalene eine
der fünf Lowland Destillerien, die unter dem Dach der DCL die Scottish Malt
Distillers gründeten. Die vier anderen waren Glenkinchie, Rosebank, Grange sowie
Clydesdale.
Die St. Magdalene war, abgesehen von den Kriegsjahren des ersten und zweiten
Weltkrieges seit dem Bankrott 1912 bis zu ihrer Schließung im Jahre 1983 nahezu
ununterbrochen in Betrieb und wurde sogar 1927 modernisiert.
Von den ehemals bis zu sieben Destillerien der Stadt sind außer einigen Gebäuden
der St. Magdalene Destillerie keine Überreste geblieben. Die denkmalgeschützten
Gebäude (floor maltings) wurden in den vergangenen Jahren in schmucke
Reihenhäuser und Wohnungen umgewandelt. Auch das charakteristische Wahrzeichen
schottischer Brennereien, die Pagode ist geblieben. So kann man die alten
Pagoden und die großen weißen Buchstaben mit dem Namen der Brennerei immer noch
lesen, wenn man mit dem Zug vorbeifährt oder das kleine Städtchen am Union Canal
besucht.
Das Wasser stammte aus einer Gebirgsquelle nahebei, wobei auch andere Quellen
angezapft wurden. Das verwendete Malz war sehr stark getorft. Die SMWS hatte
einmal eine Abfüllung, die bei einer Blindverkosung durchaus als ein mittlerer
Islay hätte durchgehen können.
Sie verfügte über zwei Wash- und zwei Spiritstills, dementsprechend wurde
zweifach destilliert. Vom Union Canal bezog die Destillerie ihr Kühlwasser und
betrieb mit dem Wasser ihre Wassermühle. Das verwendete Torf kam aus den Mooren
nahe Falkirk und Slamannan.
An diesem Abend gab es noch eine Besonderheit - alle drei Abfüllungen wurden am
2.6.1975 destilliert.
Linlithgow, Sign. Vintage 1975, 26 yrs, 2.6.1975/26.11.2001, Cask # 96/3/36, 354
Flaschen, 51.5 %
St. Magdalene, G&M Reserve, 1975/2003, Cask # 20, 303 Flaschen, 49 %
Linlithgow, SSMC, 26 yrs, 2.6.1975/Oct 2001, Cask # 96/3/15, 50.2 %
Als dritte geschlossene Brennerei wurde Glen Mhor vorgestellt.
Glen Mhor [glen vawr] wurde 1892 von John Birnie erbaut, der auch gleichzeitig
Manager vom Nachbar Glen Albyn war. Architekt war der berühmte Charles Chree
Doig. Sie lag an der Great North Road gegenüber von Glen Albyn am westlichen
Ortsende von Inverness. Ihr Name ist die gälische Bezeichnung für das Great
Glen, das als "Caledonian Canal" die Nordsee über den River Ness und viele
andere Lochs mit dem Atlantik verbindet. Die Brennerei lag günstig zu den
Eisenbahngleisen der Highland Line und hatte somit einen der besten Zugänge zum
Eisenbahn- und Wassertransportsystem.
John Birnie was das "Mädchen für Alles" - ein guter Manager und Geschäftsmann,
eine Persönlichkeit und ebenso einer der Bürgermeister der Stadt Inverness.
Whisky war schon immer im Blut der Birnie-Familie und so war auch sein Sohn
William für viele Jahre mit im Geschäft. William starb 1973 - ein Jahr nach der
DCL-Übernahme - als er bereits über achtzig war.
Zusätzlich zum außergewöhnlichen Ruf des Whiskys hatte Glen Mhor noch etwas
Besonderes aufzuweisen. Der berühmte Highland-Schriftsteller und Whisky-Autor,
Neill Gunn, war in seinen jüngeren Jahren dort von 1923 bis 1937 als Exciseman
tätig. Er war bis zu seinem Tode ein bekennender Liebhaber des Glen Mhor-Malts,
und es soll auch Glen Mhor gewesen sein, das ihn zu einem seiner berühmten
Zeilen bewegte: "Until a man has had the luck to chance upon a perfectly matured
malt, he does not really know what whisky is."
Die Qualität des Malts war ein Grund dafür, dass Mackinlays Glen Mhor als Single
Malt verkauften sogar während Blends den Markt dominierten, und der Whisky war
auch immer ein wichtiger Bestandteil vieler führender Blends.
Glen Mhor bekam 1949 als eine der ersten Destillerien Schottlands Saladin
Maltings. 1972 übernahm DCL die Kontrolle über die Destillerie. Die Brennerei
wurde aber wie viele andere 1983 dichtgemacht, um die Überstände innerhalb des
Konzerns abzubauen. Sie wurde 1986 vollständig abgerissen und mußte einem
Einkaufszentrum Platz machen.
An diesem Abend wurde folgende Abfüllungen getastet:
Glen Mhor, DT, Rarest of the Rare, 29 yrs, Dec 1975/Nov 2004, Sherry Cask #
4038, 222 Flaschen, 42.5 %;
Glen Mhor, Sign. Cask Strength Coll., 1976, 28 yrs, 31.8.1976/1.2.2005, Cask #
6690, 203 Flaschen, 55.9 %;
Glen Mhor, Rare Malts Sel., 1979, 22 yrs, 61 %.